Waldwege und Lichtungen

Lichtungen und Wegränder im Wald sind auch im Nationalpark Schwarzwald besonders artenreiche Habitate. Durch die Auflichtung des Blätterdachs dringt im Sommer wesentlich mehr Sonnenlicht zum Waldboden durch, was zur Ausbildung artenreicher Hochstaudenfluren führt. Diese werden immer wieder von Sämlingen verschiedener Baumarten durchwachsen, so dass sich abhängig vom Alter der Lichtung und Pflegemaßnahmen unterschiedliche Saumgesellschaften einstellen.

Spinnen auf Lichtungen und an Wegrändern

Die Herbstspinnen Metellina segmentata oder die selteneren Wipfel-Kürbisspinnen Araniella alpica nutzen die krautigen Pflanzen oder jungen Bäume zur Befestigung ihrer Radnetze, während Krabbenspinnen, z.B. Xysticus audax oder Xysticus cristatus und Laufspinnen der Gattung Philodromus auf den Blättern auf Beute lauern.

Im Frühjahr können unzählige Netze der Baldachinspinne Linyphia hortensis an Wegrändern gefunden werden, im Herbst besetzt die verwandte Art Linyphia triangularis diesen Lebensraum. Diese Arten weben in ihre Netze eine horizontale, baldachinartige Decke, von der aus Fäden senkrecht nach oben verlaufen. Durchfliegende Insekten werden so zum Absturz gebracht, landen auf der Netzdecke und werden von der darunter kopfunter lauernden Spinne erbeutet.

Da Spinnen, wie alle wechselwarmen Tiere, eine gewisse Wärme zur Entwicklung benötigen, finden sich auf den stärker besonnten Ästen der Fichten und Eichen, die zu den Wegrändern und Lichtungen weisen, besonders viele Spinnen. Dies gilt auch für kleine Einzelbäume, die z.B. durch regelmäßigen Wildverbiss klein gehalten werden. Die darauf lebenden Spinnen können hier besonders leicht mit einem Klopfschirm abgesammelt werden.

Findet man am Wegrand zusammengefaltete Blätter, hat man mit großer Sicherheit das Versteck einer Sackspinne der Gattung Clubiona gefunden. Rollt man so ein Blatt vorsichtig auf, stösst man darin auf einen kleinen Gespinstsack aus zäher Spinnseide, in dem sich die Spinne verbirgt. Manche Arten falten Blätter in so charakteristischer Weise zusammen, dass daran sogar die Art erkannt werden kann. Eine selten gefundene Art der Gattung, die im Nationalpark vor wenigen Jahren erstmals wieder gefunden wurde, ist Clubiona kulczynskii. Und auch die außerhalb ihres Schlupfwinkels auffällige - leuchtend grüne Huschspinne Micrommata virescens, baut an Wegrändern und anderen offenen Stellen Gespinstsäcke aus zusammengewickelten Blättern.

Ökologie von Waldrändern und Lichtungen

Die hohe Artenvielfalt von Waldrändern und Lichtungen kann durch ihren Übergangscharakter erklärt werden. In der Ökologie werden solche Habitate als „Ökotone“ bezeichnet. Darin finden sich neben Arten, die speziell diesen Lebensraumtyp bevorzugen, auch Arten der angrenzen Habitate, in diesem Fall des Waldes und des Offenlandes. Dadurch kann die Zahl der Spinnenarten durchaus doppelt bis dreifach so hoch wie im angrenzenden Hochwald sein. 

Waldränder und Naturschutz

In der Ökologie gibt es die Hypothese, dass die mitteleuropäischen Wälder, besonders der Ebenen, früher wesentlich stärker von großen Waldlichtungen durchsetzt waren. Eventuell waren große Bereiche daher gar kein homogener Hochwald, wie wir sie heute in den forstlich genutzten Wäldern und auch in großen Teilen des Nationalparks Schwarzwald vorfinden. Dafür gesorgt hat ein wesentlich höherer Bestand an Großwild, wie z.B. Auerochsen oder Wisente, die durch Vertritt und Fraß den Baumaufwuchs in Grenzen hielten sowie Stürme. In manchen Ländern Mitteleuropas, z.B. den Niederlanden, wird daher versucht, diese Form der Landschaftsgestaltung mit Auerochsenrückzuchten wieder einzuführen. Gestufte Waldränder mit unterschiedlich alten Bereichen erweisen sich als besonders artenreich. Diesen Zustand könnte man z.B. durch gezielte Pflegemaßnahmen, wie dem Entfernen von Baumaufwuchs, erreichen, wie sie in Hessischen Naturwaldreservaten schon praktiziert wurden.